Vom Winde verweht – Bestzeit beim Lübeck-Marathon

29. Oktober 2008

Nach der überraschenden 10 km-Bestzeit beim Asics Grand 10 hatte ich mich spontan entschlossen, doch noch einen letzten Marathon vor der Winterpause zu laufen, denn ich dachte, da sei vielleicht noch eine ganz gute Zeit drin. Aber sicher war ich mir dessen nicht, insbesondere weil ich seit dem BerlinMan Ende August nicht wirklich zielgerichtet trainiert habe. Zwar kommen schon einige Läufe, Schwimm- und Rad-Trainingseinheiten auf der Rolle zusammen, aber eher nach dem Lust-und-Laune-Prinzip, nicht nach einem zielgerichteten Plan.

Und so habe ich mich kurzfristig für den Lübeck Marathon entschieden, weil er
a) einer der wenigen Marathons ist, die im späten Herbst überhaupt noch stattfinden, und weil er
b) für mich sehr unaufwändig von Hamburg aus zu erreichen ist.

Doch noch letzte Woche dachte ich daran, abzusagen, denn die Wetterprognose verhieß nicht gerade Bestzeitwetter: Südwestwind der Stärke 4 mit Böen über 50 km/h und Regen.

“Aber gemeldet ist gemeldet, kneifen ist feige, eine Bestzeit wirst Du angesichts der Strecke mit der empfindlichen Steigung im Tunnel unter der Trave sowieso nicht laufen …”

So oder so ähnlich klangen meine Selbstgespräche, die zum Kauf der Bahnfahrkarte nach Lübeck führten.

Dort angekommen sollten sich alle Befürchtungen bewahrheiten. Pünktlich zum Start zeigten erste Tropfen das an, was ab Kilometer 34 noch einmal die ein oder andere Minute kostete: Starker Regen, der von einem kräftigen Südwestwind mit der angekündigten Geschwindigkeit mir entgegen stürzte. Und ausgerechnet ein kräftiger Südwest! Das bedeutet, dass die gesamte zweite Hälfte der Wendepunktstrecke Lübeck-Travemünde ein Kampf mit dem Element würde …

Gut, versuche ich halt, das Beste daraus zu machen, und gehe die erste Hälfte des Marathons vernünftig, das heißt mit Kraftreserven für die zweiten 21 Kilometer an. Dennoch versuche ich ein Zeitpolster herauszulaufen, was mir auch mit einem durchgängigen 4:30er-Schnitt gelingt: Den Wendepunkt erreiche ich nach 1:34:58, eine durchaus akzeptable Zeit für den zu diesem Zeitpunkt absolvierten Halbmarathon.

Wendepunkt Strecke des Marathon Lübeck-Travemünde

Wendepunkt Strecke des Marathon Lübeck-Travemünde

Dann, unmittelbar mit dem Umkehren greift der Wind an! Sofort sind meine Kilometerzeiten 10 bis 15 Sekunden langsamer bei deutlich stärkerem Krafteinsatz. Jetzt heißt es kämpfen, sich nicht den Schneid abkaufen lassen, vielleicht auf einen anderen Läufer auflaufen, um im Windschatten Kräfte zu sparen. Aber kaum habe ich mit entsprechendem Krafteinsatz einen Läufer erreicht, erscheint mir das Tempo zu langsam, so dass ich nicht “lutsche”, sondern nach wenigen Metern vorbei ziehe und mich wundere, dass der, den ich zuvor nur mühsam einholen konnte, mir nicht folgt. Seit wann gibt es bei Marathonläufen ein Windschattenverbot?

Dennoch laufe ich bald nicht mehr alleine: Peter, der schon eine ganze Zeit kurz hinter mir gelaufen ist, schließt bei Kilometer 27 zu mir auf und von da an hat mein Schweinehund keine Chance mehr. Nicht dass ich mich im Windschatten ausruhe … Nein, die meiste Zeit laufen wir nebeneinander, sprechen hin und wieder, schauen uns an. Und selbst das schweigende Nebeneinanderlaufen ist eine Motivationsquelle ohne gleichen: Gibt der eine etwas nach, zieht der andere an und umgekehrt. Ein Geben und Nehmen, durch das wir beide deutlich schneller unterwegs sind, als es der Wind zulassen möchte. Und selbst als dieser rücksichtlose Gegner auch noch 8 Kilometer vor Schluss seine Wasserwerfer einschaltet, was locker noch einmal 15 bis 20 Sekunden pro Kilometer kostet, gibt es kein Halten mehr: Wir stürmen weiter!

Als einer der unzählig vielen, sehr freundlichen Helfer uns zuruft, “ca. Platz 40″, kann ich es kaum glauben: Weit über 800 Läufer hatten für den Marathon gemeldet und wir laufen so weit vorne? Ein Blick auf die Uhr und das Überschlagen der Zielzeit steigert das für mich Unfassbare noch einmal: Ich werde eine neue Marathon-Bestzeit laufen!

Und im Ziel auf dem sensationellen Marktplatz von Lübeck mit einer Zeit von 3:16:37 (Platz 38) ist alles vergessen, was diesen Marathon bei einem anderen Verlauf deutlich abgewertet hätte:

  • das schreckliche Wetter,
  • die Strecke (abgesehen von der schönen Stadt Lübeck und der tollen Strandpromenade in Travemünde bleiben schnurgerade Autobahnen und Radwege in Erinnerung) und die
  • wenigen Stimmungsnester (o.k., wenn Zuschauer an der Strecke waren, war die Stimmung großartig – es war halt leider nicht allzu oft der Fall).

Um so mehr verwundert bin ich über meine Leistung, die gerade nicht von einem ausgeklügelten Trainingsplan von Steffny oder Greif herausgekitzelt worden ist, sondern mir irgendwie in den Schoß fiel – was allerdings nicht heißt, dass ich nicht wieder nach Plänen trainieren werde, aber immerhin: Es geht auch ohne!

Perfekt war mein Blutzuckerverlauf: Nach einem Vorstart-Wert von 108 mg/dl, den ich mit 4 BEs anhob, habe ich regelmäßig Kohlenhydrate zugeführt (insgesamt ca. 10 BEs), sodass mein Blutzucker bei Kilometer 34 auf 220 mg/dl angestiegen war. Daraufhin bin ich die letzten 8 Kilometer ohne Kohlenhydratzufuhr gelaufen und auf dem gleichen Wert wie vor dem Start gelandet: 108 mg/dl – sensationell!

Hier meine Diabetesanpassung im Detail:

DIABETES-ANPASSUNG

Aufstehen (06:00)

  • BZ: 152 (Ein leicht erhöhter Wert, den ich mit meinem üblichen Korrekturfaktor korrigiere.)
  • BE: 4 (Frühstück mit drei Toastbroten, Nutella, Kaffee mit viel Milch)
  • IE: 7,5 (Ich gebe genau den Bolus ab, den ich auch ohne Sport abgeben würde, denn bis zum Start in vier Stunden ist der Bolus zu großen Teilen resorbiert.)

Vor dem Start (9:40)

  • BZ: 108 (Dieser Wert ist deutlich zu niedrig, bietet keinen Sicherheitspuffer für die körperliche Aktivität, daher esse ich noch 4 BE).
  • BE: 4 (Nutellabrote)
  • BR: 70% (Ich reduziere meine Basalrate, um die höhere Insulinempfindlichkeit beim Sport auszugleichen.)

Während des Laufs

  • Kilometer 8 (10:35): 188 -> 4 BE (Hammergel Espresso, alle 5 km ein Gel)
  • Kilometer 21 (11:35): 186 -> 6 BE (Hammergel und Cola, auch hier nehme ich die Nahrungsmittel über 13 km verteilt zu mir, immer wieder etwas …)
  • Kilometer 34 (12:40): 220 (Ich laufe die letzten Kilometer ohne weitere Kohlenhydratzufuhr “nach Hause”.)

Nach dem Lauf (13:20)

  • BZ: 108 (Besser geht’s nicht!)
  • BE: 8
  • IE: 6 (Ich gebe deutlich weniger Insulin ab, da die Insulinempfindlichkeit nach wie vor sehr hoch ist, berechne aber auch, dass aufgrund der Baslaratenreduktion auch ein gewisses Insulinloch besteht.)
  • BR: 90% (Ich fahre die Pumpe noch acht Stunden mit einer temporären Basalrate, um die erhöhte Insulinempfindlichkeit sowie den Muskelauffülleffekt auszugleichen.)

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5 Reaktionen zu “Vom Winde verweht – Bestzeit beim Lübeck-Marathon”

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  1. Regeneration vorbei - neue Pläne | Laufen mit Diabetes

    [...] Laufen mit Diabetes Anpassung meiner Diabetes-Therapie beim Sport (Laufen, Triathlon) « Vom Winde verweht -- Bestzeit beim Lübeck-Marathon [...]

    Kommentar(e)
  1. Chris

    Dieser Bericht liest sich richtig klasse. Ich selbe habe erst vor 5 Monaten mit dem Laufen angefangen, vor kurzem bin ich einen 13km kurzen Marathon gelaufen. Dafür, dass ich vor 5 Monaten noch mehr als 1 Schachtel Zigaretten am Tag geraucht habe, bin ich über das erreichen der Zielline sehr froh gewesen. Nächstes Jahr möchte ich dann erstmal den Halbmarathon angehen, Marathon traue ich mir noch nicht ganz zu. Dir wünsche ich weiterhin viele erfolgreiche Läufe.

    Viele Grüße
    Chris

  2. Andreas

    Danke für Deine netten Worte und viel Erfolg auf Deinem Weg vom viertel zum halben Marathon. In 5 Monaten von 0 auf 13 ist schon eine gute Leistung: Respekt! Da werden Dir die nächsten Schritte sicherlich nicht allzu schwer fallen und wer weiß, sicherlich ist der halbe im nächsten Jahr auch nur ein Zwischenschritt …

    Viel Spaß weiterhin beim Laufen,
    Andreas

  3. Andre

    Hallo Andreas.

    Applaus. Bei solchen Bedingungen solche Leistungen… Respekt.

    Habe letzte Woche auch mal wieder mal meine Schuhe untergeschnallt. Wegen Brückenarbeiten musste ich eine längere Strecke laufen. Wie weit? Keine Ahnung, aber es hat geklappt. Ih bin jetzt mal optimistisch, das ich so langsam wieder besser werde.
    Und Dir weiterhin alles Gute.

    André

  4. Andreas

    Jeder kleine Kilometer macht zunächst einmal besser, ganz sicher, dafür musst Du kein Berufsoptimist werden. ;-)
    Aber beim Steigern der Umfänge sollte jeder Läufer vorsichtig vorgehen, 10 % bis maximal 15% pro Woche ist ein Wert, bei dem der Körper die notwendigen Anpassungsvorgänge noch sicher schafft (Knochen, Gelenke, Sehnen, Muskulatur usw.).
    Also, auf der einen Seite ist Geduld angesagt, auf der anderen Seite Optimismus, dass eine Steigerung von Woche zu Woche über einen wirklich langen Zeitraum möglich ist.
    Besonderes Training nach Plan (mit einem Wechsel von Regeneration, Tempotraining und langen Läufen) ist erst bei Umfängen über 50 km/Woche hilfreich. Bis dahin bringt auch einfach Laufen nach Lust und Laune viel …

    Also, lass Dich von Brückenbauern weiterhin nicht aufhalten, sondern nutze die Gelegenheit dann einfach weiter zu laufen, und Danke für Deine Aufmunterung,
    Andreas

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