BIG 25 Berlin und der Diabetes-Service der IDAA (Laufbericht)

12. Mai 2009

Sechs Tage vor dem Rennsteiglauf Supermarathon über 72,8 km und 15 Tage nach der Harzquerung (Bericht ») bietet es sich eigentlich nicht gerade an, das vorbereitende Tapern zu unterbrechen und an einem 25 Kilometer-Lauf teilzunehmen … es sei denn, es gibt einen besonderen Grund und man bleibt bei allem Wettkampf-Adrenalin so diszipliniert, die Handbremse nicht zu sehr zu lockern.

Big 25 Berlin - Diabetes-Station 1BIG 25 Berlin - Diabetes-Station 1 (Blutzucker-Messung)BIG 25 Berlin - Diabetes-Station 2Und der Grund war schon ein besonderer, denn die IDAA », die Internationale Vereinigung von Sportlern mit Diabetes, nahm die vom Berlin Marathon früherer Jahre bekannte – und vom Veranstalter SCC (derzeit) leider nicht mehr gewollte – Betreuung wieder auf, und bot an Start und Ziel sowie auf der Strecke Betreuungsstände an, an denen Diabetiker anhalten konnten, um ihren Blutzucker zu messen, bei Bedarf Sport-BE aufzunehmen oder Insulin zu spritzen und versorgt mit einem kompetenten Rat von äußerst liebenswürdigen und freundlichen Diabetes-Fachleuten weiterzulaufen.

Zu übersehen waren die “blauen Engel” jedenfalls nicht, denn unmittelbar neben dem Startbereich leuchtet schon von Weitem ein gelber Banner mit der Aufschrift “Diabetes”. Schnell wird der aktuelle Wert notiert, die Therapieanpassung aufgeschrieben und entweder bestätigt, dass die Einstellung genau richtig für die kommende Aufgabe ist, oder mit einer Cola auf den für einen Start notwendigen Blutzuckerwert von mindestens 150 mg/dl gehoben.

Äußerst froh über dieses Angebot habe ich am Morgen als Erstes den Stand am Start aufgesucht und meinen aktuellen Blutzucker-Wert genannt. Bei meinem Ausgangswert von 109 mg/dl eine knappe Stunde vor dem Start hielt ich, ehe ich mich versah, eine Cola in der Hand, die ich aber dankend ablehnte, hatte ich doch wenige Minuten zuvor 4 BE Nutella-Toastbrote zu mir genommen und meine Pumpen-Basalrate um 30% auf 70% abgesenkt, also bereits Maßnahmen eingeleitet, die meinen Blutzucker innerhalb kurzer Zeit nach oben katapultieren würden. Und tatsächlich war mein Blutzucker etwa eine Viertelstunde später auf 136 mg/dl geklettert und der Trendpfeil meines Freestyle-Navigators zeigte klar dessen Tendenz: Es geht aufwärts. Mit einem augenzwinkernden “Streber” wurde ich für meine perfekte Therapieeinstellung gelobt und freute mich auch darüber, einige andere IDAA-Mitglieder wiederzusehen, die es sich auch nicht nehmen ließen, an diesem schönen Tag in den neuen Trikots mit der Aufschrift “I run on insulin” schauzulaufen.

Blutzucker-Profil meines Laufs beim BIG 25 BerlinUnd bei diesem “Schaulaufen” ließ mich mein Diabetes nicht einmal stolpern, wie die vom Freestyle Navigator aufgezeichnete Blutzuckerkurve zeigt:

  • Aufgestanden um 7:30 fällt der Blutzucker zunächst ab, um sofort danach wieder leicht und stetig anzusteigen.
    Dieses Uhrzeit unabhängige Aufstehphänomen kenne ich gut, es begrüßt mich an jedem Morgen, wenn ich weder Frühstücke noch Insulin abgebe.
  • Meine erste Nahrungsaufnahme an diesem Tag sind die vier BE Toastbrot mit Nutella eine Stunde vor dem Start. Der Verzicht auf ein vorheriges Frühstück ermöglicht mir, ohne die Restwirkung eines Bolus zu starten.
    Zeitgleich senke ich meine Basalrate auf 70%.
  • Das Ergebnis ist eindeutig: Der Blutzucker steigt sofort steil an, erreicht beim Start um 10 Uhr einen perfekten Ausgangswert von 164 mg/dl. Allerdings steigt der Wert auch danach noch weiter an, ehe er auf einem Wert um 230 mg/dl stoppt und zwei Drittel des Laufes ohne weitere Kohlenhydratzufuhr auf diesem Niveau verharrt.
  • Erst gegen 11:30 beginnt der Blutzucker äußerst langsam abzusinken, allerdings sind zu diesem Zeitpunkt bereits 20 Kilometer absolviert.
  • Mit einem Wert von 204 mg/dl laufe ich zufrieden mit meinem unproblematischen Blutzuckerverlauf um 11:55 ins Ziel ein.
  • Fazit:
    1. Die Basalrate von 70% hat für diesen Wettkampf an diesem Tag genau gepasst. Bei einem Lauf bis 25 Kilometern möchte ich keine Nahrung aufnehmen, sondern einfach nur laufen. Und das hat perfekt geklappt!
    2. Drei BE vor dem Start hätten (vermutlich) auch gereicht, sodass ich mit einem leicht niedrigeren Blutzucker von 190 mg/dl den Lauf absolviert hätte. Aber ich gehe bei einem Wettkampf lieber auf Nummer sicher und fahre einen Sicherheits-Blutzucker mit genügend Abstand zu einer Unterzuckerung.
    Und den es gut meinenden Weisen, die mich vor den Gefäß schädigenden Werten von über 200 mg/dl warnen, entgegne ich notfalls trotzig: “Was ich meinem Gefäßen mit Ausdauersport Gutes tue, kompensiert die schädliche Wirkung der kurzzeitig erhöhten Werte um ein Vielfaches! So gut könnt ihr euch gar nicht einstellen …” ;-)

Vor dem Start des BIG 25 BerlinRückwärtslaufen vor dem Brandenburger TorAber nicht nur die Blutzuckereinstellung, auch der Lauf “25 Kilometer von Berlin”, der heute so stillos wie anbiedernd neumodisch “BIG 25 Berlin  »” heißt, hat einfach nur Spaß gemacht! Auf den ersten zehn Kilometern begleitet von Martin, hatten wir beim Fotoshooting samt Rückwärtslaufen eine Menge Spaß und es ging locker bis hinters Brandenburger Tor, ehe ich allein weiterlief und die Handbremse etwas löste.

Durch den verhaltenen Beginn erlebte ich zum ersten Mal das beglückende und motivierende Gefühl, eine schnellere zweite Hälfte zu absolvieren, und in den Genuss zu kommen, Meter für Meter Läufer zu überholen. Dennoch zwang ich mich, nicht zu überpacen, es sollte ja ein Trainingslauf bleiben. Im Ziel mit einer insgesamt noch flotten Zeit von 1:55:45 (etwas langsamer als mein Marathonrenntempo beim Lübeck-Marathon) hatte ich auch dieses Vorhaben erreicht: Meine Beine waren kaum ermüdet und locker, sodass ich ohne Probleme auslaufen und ausgiebig dehnen konnte – der Rennsteig kann kommen!

Unbedingt erwähnen muss ich aber noch den absoluten Höhepunkt des Laufs, den Zieleinlauf im Olympia-Stadion. Dieser ist der Höhepunkt einer schnellen Strecke, die mit Berliner Sehenswürdigkeiten ja wirklich nicht geizt (Goldene Else, Brandenburger Tor, Unter den Linden, Potsdamer Platz, Kuhdamm), ein Höhepunkt, der jeden Läufer überwältigt:

  • Der abschüssige Weg durch die mit motivierender Musik und bunten, blinkenden Lichtern beleuchteten Katakomben des Berliner Olympia-Stadion lässt jeden auf dem letzten Kilometer fliegen,
  • der Eintritt ins Stadion durch das Marathontor ist gigantisch und
  • die vom Publikum lauthals gefeierte Runde auf der blauen Tartanbahn ehrenvoll!

Impressionen vom BIG 25 Berlin


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2 Reaktionen zu “BIG 25 Berlin und der Diabetes-Service der IDAA (Laufbericht)”

    Kommentar(e)
  1. Jörg

    Das mit der Diabetis verstehe ich zwar alles nicht, nur das es beeindruckend ist, auch diese Sachen immer genau zu beachten.
    Der SCC scheint ja ansonsten alles abzustoßen, was kein Geld bringt und nur Arbeit macht -so ist es halt. Aber die 25 km klingen schon interessant.

    See you in Eisenach

    Jörg

  2. Andreas

    Hm, das ist auch nicht so leicht zu verstehen -- ich verstehe ganz manchmal selbst nicht genau, was mit meinem Stoffwechsel jeweils los ist. Dennoch ist es wichtig, genau zu dokumentieren und auszuwerten, denn nur so versteht man Muster, die wiederkehren … und deren Verständnis letztlich einen Lauf mit diesen Blutzucker-Werten möglich macht.
    Und da die Prinzipien und Muster, die der von mir getroffenen Einstellung zugrunde liegen, bei anderen nicht gleich, aber zumindest ähnlich auftreten, hoffe ich mit meinen Erfahrungswerten und deren ausführlicher Darstellung anderen zu helfen. Auch wenn jeder letztlich seinen eigenen Weg durch trial-and-error finden muss.

    Dass der SCC die Diabetes-Betreuung beim Marathon verboten hat, ist unverständlich, denn sie hat ihn keinen Pfennig gekostet, das hat alles die IDAA organisiert und bezahlt. Er musste lediglich erlauben, dass die Helfer ihre Tische am Streckenrand aufbauen durften. Aber vermutlich aus Angst, dass das erfolgreiche Konzept Läufer mit Diabetes anziehen würde, hat der SCC nach mehreren Jahren erfolgreicher Durchführung des Konzepts die Betreuung verboten. Es sollen wohl Äußerungen gefallen sein wie: “Dies ist eine Veranstaltung für Gesunde, nicht für Behinderte.”

    Da der Lauf “BIG 25 Berlin” ebenso wie der Lauf “ASICS Grand 10″ nicht von der SCC, sondern von “Berlin läuft …” organisiert wird, ist die Betreuung wieder möglich.

    Pikant ist, dass der “Novo Nordisk Gutenberg Marathon Mainz” en Insulinhersteller Novo Nordisk als namensgebenden Sponsor hat und groß auf das Pferd “Diabetes-Vorbeugung” setzt und das rauf und runter durch die Presse jagt. Scheinbar sind Diabetiker wohl doch nicht ein so schlechtes Image für einen Marathon … Nur beim SCC ist das leider noch nicht angekommen.

    Bis Samstag in Eisenach,
    Andreas

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