Swiss Alpine Marathon 2008 (Laufbericht K78)

Schade, dass der Swiss Alpine Marathon schon vorbei ist …

Nachdem ich letztes Jahr den K42 gelaufen war (ein Marathon von Berguen nach Davos, der ebenfalls über die 2632 Meter hohe Keschhütte und den kaum niedrigeren Scalettepass führt), sagte meine Freundin:
– „Nächstes Jahr starte ich beim K21!“

Glücklicherweise nahm ich, Ungläubiger, das nicht ernst und konterte:
„Wenn Du startest, dann laufe ich den K78!“
Und als ihre Anmeldung sogar zum noch längeren K31 feststand (31 Kilometer von Davos nach Filisur), musste ich worthalten, die Königsstrecke wurde Pflicht.

Und nicht einen der 78 Kilometer habe ich bereut, nicht einen der insgesamt 2300 Höhenmeter habe ich verflucht:

  • Die Strecke durch die atem- beraubende Bergwelt Davos‘ – unvergleichlich!,
  • die Atmosphäre in den Orten – liebenswert!,
  • das Wetter – ideal!,
  • die Anforderungen des zum Teil hochalpinen Laufs – heraus- fordernd, aber stets machbar!,
  • der Stolz auf die eigene Leistung (und die meiner Freundin!), kaum zu übertreffen 😉

All das begann schon mit dem Frühstück auf der Schatzalp, denn der wunderschöne Jugendstil-Speisesaal des Hotels, das als früheres Sanatorium Thomas Mann zu seinem Zauberberg inspirierte und in dem wir uns eine Woche lang ideal auf knapp 1900 Meter aklimatisiert und vorbereitet haben, bietet einen imposanten Ausblick auf das Tal, das die Landwasser in die Davoser Berge gefressen hat und durch das wir in weniger als zwei Stunden laufen werden. Drei Brötchen, etwas Kaffee und Wasser, mehr sollte es diesmal nicht sein, denn letztes Jahr haben die Balaststoffe des hausgemachten, äußerst köstlichen Bircher Müslis doch zu einigen Zeitverlusten geführt …

Die anschließende Fahrt mit der Standseilbahn hinab in den 300 Meter tiefer gelegenen Ort steigert Meter für Meter die Vorfreude und lässt einen flüchtigen Blick auf das Startgelände zu, indem noch nicht viel los ist. Aber das ändert sich minütlich, von überall her strömen die Läufer zum Start der Läufe K31, C42 und K78, bis um 8 Uhr doch weit mehr als zweitausend Läufer versammelt sind (insgesamt noch einmal so viele Läufer starten beim K42 in Berguen, beim K21 in Klosters und beim K11 in einem Vorort von Davos – und es ist auch und vielleicht gerade dieses „Überall-laufen-sie“, was den Swiss Alpine Marathon so liebenswert macht: Eine ganze Region läuft!).

Nach dem Start geht es zunächst auf eine fünf Kilometer lange, von vielen Zuschauern angefeuerte Ehrenrunde durch Davos, die meine Freundin und ich gemeinsam laufen, ehe wir uns am Ortsrand trennen. Grund ist weder ein Streit noch die Streckenführung (der K31 ist mit den ersten 31 Kilometern des K78 identisch), sondern die zu erreichenden Pflichtzeiten: Wenn ich nicht in 3:40 Stunden in Filisur bin, dem Ziel des K31, ist Schluss mit Laufen. Und da ich auf Nummer sicher gehen möchte, heißt es, sich trennen und Tempo machen: Statt eines 6:20er Schnitts laufe ich ab jetzt einen 5:30er, wenn nicht gerade ein Anstieg sich in den Weg stellt oder – wie bei Kilometer 10 – der schmale Pfad von den vielen Startern so überfordert ist, dass er einen kurzen Stau veranlasst (als meine Freundin diese Stelle passierte, musste sie fast zehn (!) Minuten warten!).

Ansonsten lässt sich die Strecke bis Filisur gut machen, selbst die steileren Anstiege lassen sich noch laufen und der fast senkrechte Abstieg in die Zügenschlucht, kurz nachdem Monstein passiert wurde, ist längst nicht so gefährlich und „unbezwingbar“, wie meine Freundin und ich nach der Streckenbesichtigung mit dem Mountainbike dachten.

(Übrigens: Das Abfahren der Strecke mit einem „Velo“, wie der Schweizer liebenswürdig sagt, vermittelt einen völlig falschen Eindruck: Die Anstiege werden steiler, länger und zum bestimmenden Wesensmerkmal des Profils, die vielen sanft abfallenden Strecken, die zum Rasen einladen, aufgrund des Vorbeirauschens kaum erinnert, die steilen Wurzelwege ins Tal, die für uns ungeübte Mountaibiker zur Grenzerfahrung wurden, wirken unbezwingbar.)

Außerdem bewirkt die spektakuläre Schönheit der ersten 31 Kilometer, dass etwaige Anstrengungen oder erste Anzeichen einer Erschöpfung nicht bewusst werden. Unterstützt wird sie dabei von den vielen Einheimischen, die Spina, Monstein und die Station Wiesen mit großer Sympathie herausgeputzt haben, uns liebevoll versorgen und mit ihrer guten Stimmung motivieren. Doch von all dem erzählen die Bilder mehr als Worte:

Jedenfalls ist die Zeitvorgabe von 3 Stunden und 40 Minuten für die ersten 31 Kilometer kein Problem: In Filisur habe ich als 555. nach 3:12:54 Stunden ein Zeitpolster von einer halben Stunde erlaufen, mir die von meinen Eltern bereit gehaltene Cola redlich verdient und zudem mit meinen Kräften gut hausgehalten, denn den nun beginnenden 22 Kilometer langen, 1600 Meter Höhe gewinnenden Anstieg zur Keschhütte lege ich in 3:08:09 Stunden zurück, was zunächst langsam klingt, angesichts der doch erheblichen Steigung dennoch eine für mich gute Leistung ist, denn „nur“ 219 Läufer sind auf diesem Streckenabschnitt schneller gewesen …

Nach einer von einer coolen Blues-Band begleiteten kurzen Erholungspause beginnt jetzt der absolute Höhepunkt der Strecke, der schwierig und mit höchster Konzentration zu laufende Panoramatrail, ein sehr steiniger, von vielen kleinen Bächen und drei Schneefeldern (extrem rutschig!) unterbrochener, immer wieder sehr exponierter Gebirgspfad, der aber wegen Anspruch und Schönheit der Strecke nur Spaß macht:

Froh bin ich hier oben über Armlinge und Laufjacke, die ich – vom Veranstalter perfekt organisiert! – in Berguen deponiert und ohne Zeitverlust an mich genommen hatte, denn es war auf dem Panoramatrail doch empfindlich kalt und zudem recht windig.

(Nach dem Drama beim Zugspitz-Extrem-Lauf vor zwei Wochen und der Wetterprognose, die Gewitter vorhergesagt hatte – wozu es glücklicher Weise nicht kam! -, sollte eine angemessene Ausrüstung eigentlich selbstverständlich sein, doch wie man auf dem Foto sehen kann, galt dies nicht für alle Teilnehmer. Schade, aber die an Dummheit grenzende Leichsinnigkeit lässt sich wohl nicht ausrotten …)

Etwa eineinviertel Stunden nach dem Passieren der Keschhütte endet der Panoramatrail mit dem Erreichen des Scaletta-Passes auf 2606 Meter Höhe. Doch der Spaß, den der Streckenabschnitt mir trotz aller Anstrengungen gemacht hatte, war bereits vor der Passhöhe vorbei, nämlich ab dem Punkt, an dem die Strecke des K42 auf die des K78 stieß: Hier bremsten die doch deutlich langsameren und vorsichtigeren Läufer des in Berguen gestarteten Marathons (die schnelleren Marathonläufer waren wohl schon durch …), sodass der letzte Kilometer bis zur Passhöhe sich als ein nervig dahinschleichendes Kolonnentrippeln gestaltete. Gut, beim nächsten Mal – das es sicherlich geben wird! – muss ich also bis hierhin deutlich schneller sein.

Entsprechend beeinträchtigt war auch der brandgefährliche, steile und steinige Abstieg nach Dürrboden, bei dem wirklich jeder Schritt kontrolliert werden muss (ein Läufer verletzte sich wohl dabei sehr ernsthaft am Kopf), denn zusätzlich zur schwer zu laufenden Strecke musste ich auch ständig die vom Gelände doch teilweise erheblich überforderten K42-Läufer überholen, was mich in noch unwegsameres Gelände ausweichen ließ und den Abschnitt nicht gerade leichter machte – und wohl auch eine Menge zusätzlicher Kraft gekostet hat, wie ich unten im Tal, in Dürrboden, bemerkte …

… denn irgendwie hatte ich für die letzten einfach zu laufenden 14 Kilometer keine rechte Lust und Motivation mehr: Die Strecke ist ab hier keine Herausforderung mehr und kann einfach abgespult werden, die Landschaft nicht mehr so spektakulär wie zuvor, die Frage, ob der Lauf zu bewältigen ist, längst mit „JA“ beantwortet usw. Also irgendwie abspulen, auch das Stück muss halt noch gelaufen werden. Aufbauend ist lediglich die Verpflegung (endlich wird auch offiziell Cola gereicht!) und das Überschlagen der möglichen Zielzeit: Ich werde es locker unter zehn Stunden schaffen, was ich vorher nicht für möglich gehalten hatte!

Und so erreiche ich in einer persönlichen Traumzeit von 9:38:42 Stunden als 341. von über 1000 Startern das Ziel in Davos – ohne mit meinen Kräften am Ende zu sein, begeistert von einer außergewöhnlich schönen Strecke, stolz auf die gemeisterten Anforderungen Länge, Höhenprofil und Streckenbeschaffenheit — und beschenkt von einem süßen Kuss einer ebenfalls glücklichen Finisherin!

Download: Swiss Alpine Marathon Davos, Strecke K78 (gpx-Datei)

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Veröffentlicht von

Andreas

* 1970 in Trier, seit 1988: Diabetes Typ 1 (CSII mit animas vibe, Dexcom G4), seit 2005: leistungsorientiertes Training (vor allem Laufen, aber auch Radfahren), zahlreiche Marathons, Ultras und Ironmans

3 Gedanken zu „Swiss Alpine Marathon 2008 (Laufbericht K78)“

  1. Swiss Alpine Marathon Davos im August 2008

    Voller Spannung warteten wir am Zieleinlauf auf einen -- so dachten wir- völlig erschöpften Läufer (78 km, für uns unvorstellbar -- Gebirge, Geröll, Höhenunterschied: 2320 m) und waren völlig überrascht, einen absolut fiten und frisch wirkenden, strahlenden Läufer begrüßen zu dürfen.
    Zitat (Andreas): 42 km sind anstrengender als 78 km. Bei der kürzeren Distanz steht man unter größerem Leistungsdruck.

    Viel Glück beim nächsten Ultralauf, die 100 km in der Mongolei,
    Barbara und Manfred

  2. Danke für die lieben Wünsche!

    Allerdings werde ich zur Vorbereitung auf den Mongolia Sunset to Sunrise noch drei weitere Ultraläufe absolvieren: die Harzquerung (51 km), den Rennsteiglauf (72 km) und den 100er von Biel.
    Aber all das ist natürlich nicht so aufregend wie der Ultratrail in der Mongolei …

    Liebe Grüße nach Trier,
    Andreas

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