Harzquerung 2009: Mit Dampf durch den Harz

Harzquerbahn (Schmalspurbahn)

Wernigerode, der bildschöne, historische Startort der Harzquerung, die dieses Jahr bereits ihren 30. Geburtstag feiert, empfing die Läufer am Vorabend mit einem strahlend blauen Himmel bei angenehm warmen Sonnenschein und dampfenden Lokomotiven am Bahnhof. Rathaus von WernigerodeAber nebem dem traumhaften Wetter war wenig zu spüren von einer regionalen Vorfreude auf den Lauf, außer den unmittelbar organisatorisch Beteiligten wissen die Einheimischen nahezu nichts von diesem interessanten Lauf. Wohl dass es ihn gibt, aber dieses Wochenende? „Nein, das wusste ich nicht“. Diese Ahnungslosigkeit begegnet dem Läufer überall: im Hotel, im Restaurant, im Taxi. Schon erstaunlich, denn bei insgesamt 600 Läufern, die sich auf die drei angebotenen Strecken 25 km, 28 km und 51 km verteilen, sollte die Harzquerung doch zumindest ein regionales Highlight sein, das mit Sicherheit in der Tourismusbranche Spuren hinterlässt. Aber vielleicht ist das mangelnde Interesse ja auch gerade gut so, dann behält der Harzlauf seinen angenehmen Charme eines nicht-profit-orientierten Laufs, liebevoll von Sportlern für Läufer organisiert …

Startaufstellung bei der HarzquerungDass dabei nicht alles so minutiös und perfekt verläuft, wie man das von den Mammut-Veranstaltungen gewöhnt ist, macht nichts. Auch wenn es schon aufregend ist, wenn vier Minuten vor dem Start der angekündigte LKW zur Abgabe des Gepäcks nicht bereit steht und ich glücklicher Weise ein Gespräch anderer Läufer mithöre, man könne alles einfach hier am Baum stehen lassen, es werde dann schon eingesammelt und zum Zielort Nordhausen transportiert. Eine offizielle Ansage? Fehlanzeige. Plötzlich fällt der Startschuss (ohne Countdown und zwei Minuten zu früh), die meisten schauen überrascht auf, tasten ungläubig nach ihren Stoppuhren und schon geht es los.

armeleutebergUnd das gleich richtig: Denn sofort stellt sich der Armeleuteberg den dicht an dicht laufenden Läufern in den Weg, ein fast vier Kilometer langer Anstieg mit über 300 Höhenmetern. Gut zu laufen, aber auch nicht zu unterschätzen, einige Läufer – und nicht die schlechtesten – gehen. Auch wenn dies, abgesehen vom bereits im Vorhinein einigen Respekt einflößenden Poppenberg, den es zwischen Kilometer 35 und 39 zu bezwingen gilt, der zweitlängste Anstieg ist, sind auch die folgenden Kilometer kein Zuckerschlecken. Das stetige Auf-und-Ab ist zwar wunderschön zu laufen, raubt aber Anstieg für Anstieg und Abstieg für Abstieg Kraft. Mehr jedenfalls, als ich auf den ersten Kilometern, auf denen alles so leicht ging, gedacht hätte.

Höhenprofil der Harzquerung

Und so flog ich bis zum Beginn des Poppenbergs nur so dahin über schmale, wurzelige Waldwege, über weiche Wiesen und den ein oder anderen Meter Feldweg. Immer wieder galt es Bäche auf kleinen Brücken zu überqueren, aber auch eine Talsperre beeindruckte den Blick.

Eindrücke von der Strecke der Harzquerung

Hab ich schon gesagt, wie schön der Harz ist? – Muss ich auch nicht, die Bilder sagen mehr als Worte: Links die Strecke der Harzquerbahn, die zweimal zu queren war; rechts die Zilliertalsperre.

Landschaftliche Impressionen von der Harzquerung

Doch das traumhafte Dahinfliegen mit zum Teil angesichts des Profils und der Strecke äußerst schnellen Kilometern (insgesamt fünf Kilometer hatten einen Schnitt um die 4:40 Minuten) endete jäh am Fuß des Poppen:
Steinkohle-Besucherbergwerk "Rabensteiner Stollen"

Zunächst blieb ich stehen, um Fotos vom Steinkohle-Besucherbergwerk „Rabensteiner Stollen“ zu machen, ehe mich  unmittelbar nach dem Weiterlaufen ein empfindlicher Anstieg erwartete. Und da dieser auch nach einigen hundert Metern kein Ende nehmen wollte, keimte die Gewissheit, mich im fünf Kilometer langen Aufstieg zum 601 Meter hohen Poppenberg zu befinden.

Und irgendwann war es dann auch so weit, das (zu) schnelle Tempo auf den Kilometern 10 bis 34 sowie der Anstieg forderten ihren Tribut: harzquerung-poppenbergWar ich bisher alles durchgelaufen, verfiel ich jetzt immer wieder und dann immer öfter ins Gehen. Dennoch erreichte ich die Verpflegungsstation am Fuße des Aussichtsturms auf dem Gipfel nach 3:46 Stunden, eine wirklich respektable Zeit angesichts der bis dahin gelaufenen 39 Kilometern über Stock und Stein und Berg und Tal. Vor allem schien eine Traumzeit möglich: Nur noch 12 Kilometer zu laufen und reichliche 74 Minuten Zeit bis zur magischen 5-Stunden-Schallmauer. Und noch besser: Es geht doch nur noch bergab …

Aber der Poppen hatte mir den Zahn gezogen. So leicht das Laufen vor dem Berg fiel, so schwer gestaltete sich jetzt jeder Schritt. Selbst bergab schaffte ich es nicht mehr, einen Sechser-Schnitt zu laufen, jede Unebenheit – und es gab weiterhin viele! – nervte, jeder kleine Anstieg zwang mich zum Gehen. Neustadt im HarzLediglich durch den hübschen Ort Neustadt rollte es noch einiger Maßen … und selten habe ich Asphalt und Kopfsteinpflaster derart begrüßt!

Doch sehr schnell war dieses Leichtlaufparadies passiert und die herausfordernden Pfade mit ihren kurzen, giftigen Steigungen hatten mich wieder, ehe ich nach 5:02:17 Stunden das Ziel in Nordhausen erreichte – zwar blieben die fünf Stunden eine Mauer, die ich heute nicht überwinden konnte, aber was macht das schon …

… denn auch hier ereignete sich das Marathon-Geheimnis, das die meisten Läufer kennen: Jede Quälerei geht vorbei, ist vergessen und weicht der großen Freude und dem kleinen Stolz über das, was man hier leisten durfte und konnte, sobald der Zielbereich hörbar und das Zielband sichtbar wird. Und oft schleicht sich auch eine kleine Wehmut darüber heran, dass das große Erlebnis bereits vorbei ist: Die Harzquerung war ein abwechlungs- und erlebnisreicher Lauf durch eine besonders schöne Landschaft, von Profil und Strecke anspruchsvoller als gedacht, aber das macht schließlich auch diesen Lauf aus!

Harzquerung: Zieleinlauf in Nordhausen

Diabetes-Anpassung

Da mein kontinuierliches Messgerät Freestyle Navigator zum zweiten Mal mit einem Display-Schaden ausgefallen ist (und ich mir wieder nicht erklären kann, wie das passiert ist), musste ich als wieder „so wie früher“ 😉 meinen Blutzucker im klassischen Dreischritt (piksen – saugen lassen – ablecken) messen. Und da mich nachts kein Alarm bei einem zu hohen Blutzucker weckt, hatte ich den Wecker auf zwei Uhr gestellt, um am Morgen ja keinen zu hohen Wert zu haben, der eine Korrektur erfordert. Denn jede Einheit mehr im Blut während des Laufs, erhöht den Sport-BE-Bedarf exponential.

In der Nacht (2 Uhr):
– BZ: 189
– IE: 2

Obwohl ich vor dem Schlafengehen noch eine leichte Hypo hatte, war mein Blutzucker inzwischen gestiegen. Es ist wie so oft: Wenn ich spät abends esse, dieses Mal waren es 7 BE Nudeln gegen 21 Uhr, dann wird zunächst kaum etwas resorbiert und irgendwann in der Nacht setzt die Verdauung ein.

Aufstehen (6 Uhr):
– BZ: 223
– IE: 1 +3 Korrektur
– BE: 3 (Nutella-Brötchen)
– BR: 80% (also um 20% reduziert)

Mist, trotz der Korrektur um zwei Uhr ist der Blutzucker weiter angestiegen, sodass ich genau das tun muss, was ich eigentlich vermeiden wollte, einen Korrekturbolus abgeben. Mit 4 IE bin ich aber insgesamt sehr vorsichtig und schmiere mir zwei weitere Nutella-Brötchen, die ich eine Stunde vor dem Start essen möchte.

Eine halbe Stunde vor dem Start (7: 55 Uhr):
– BZ: 148
– BE: 7 (2 Nutella-Brötchen + 0,1 l Cola)

Die Korrektur hat erstaunlich schnell gewirkt. Der eigentlich ideale Startwert hat aber eine unglückliche Tendenz: Der Blutzucker ist weiter am Fallen. Deshalb esse ich meine beiden Nutella-Brötchen und trinke schnell wirkende Cola.

Fünf Minuten vor dem Start (8:25):
– BZ: 138
– BE: 4 (0,4 l Cola)

Verdammt, es wird eng! Der Blutzucker ist trotz Cola und Brötchen weiter gefallen … daher hilft jetzt nur eins: Cola, Cola, Cola, Cola! – Der Bolus um 6 Uhr war doch überraschender Weise doch deutlich zu groß dimensioniert.

Auf dem Weg zur ersten Verpflegungsstation (Kilometer 0 bis 11):
– BE: 3

Besser geht's mit Coca ColaUm weiterhin auf der sicheren Seite zu sein, trinke ich immer wieder in kleinen Schlucken mein selbstgebrautes Gemisch aus Maltodextrin und Saft und freue mich auf die Verpflegungsstation, denn soll es etwas Besonderes geben … Cola, mein Wunderelixier – wie auch die Harzquerbahn weiß.

Erste Verpflegungsstation (Kilometer 11, 09:25 Uhr)
– BZ: 150
– IE: 3 + 2 (Toast + Maltodextrin-Gemisch)

Puh, die insgesamt 14 BE waren nicht zu knapp: Ein komfortabler Wert bei der ersten Verpflegungsstation, der aber mit weiteren BEs abgesichert werden muss, ist doch die nächste Verpflegungsstation weitere 10 Kilometer entfernt. Aber so einfach sollte es dann leider doch nicht sein …
Ich griff wie selbstverständlich zu einem Becher Cola, überschlug die Füllmenge und errechnete 2 BE. Da das zu wenig für die nächste Strecke sein würde, griff ich nach einem zweiten Becher – und der Schreck fuhr mir in die Glieder. Ich sah eine Helferin, die in die Becher Cola light einfüllte!!! Das gibt’s doch gar nicht, COLA LIGHT? Vor Schreck mürrisch geworden fragte ich, ob denn in allen Bechern Cola light sei? – „Selbstverständlich, wir haben nichts anderes bekommen.“ – Ob Sie sich vorstellen könne, dass die Läufer nicht hier wären, um abzunehmen, sondern um Energie, um Zucker aufzutanken? – „Hm, da haben Sie Recht, daran habe ich noch gar nicht gedacht.“
Schnell greife ich zu drei Scheiben Toastbrot (ts, ts – dick mit Margarine bestrichen), um überhaupt Kohlenhydrate zu tanken und laufe weiter. Was habe ich für ein Glück gehabt, die Cola-light-Flaschen zu entdecken! Unbemerkt hätte mich das innerhalb weniger Kilometer in eine schwere Hypo gestürzt.

Zweite Verpflegungsstation (Kilometer 20, 10.20 Uhr):
– BZ: 116
– BE: 4 BE (Cola)

Keine der zuvor gegessenen BE war also zuviel, sondern genau richtig gewesen. Da ich auf den zweiten 10 Kilometern (5 BE) deutlich weniger BE verbrannte, als auf den ersten 11 Kilometern (14 BE), war ich sehr beruhigt, da sich mein Bolus langsam abbaut und ich also für die nächsten Kilometer noch einmal weniger BEs benötigen werde. Und da hier dankenswerter Weise Helfer mitgedacht haben („Wir haben nur Cola light erhalten und selber echte Cola gekauft.“), fällt die Energieaufnahme auch weniger magenbelastend, weil ohne Weißbrot aus.

Dritte Verpfelgungsstation (Kilometer 31, 11:20 Uhr)
– BZ: ?
– BE: 4 (1 Schmalzbrot und Cola)

Mein Laufgefühl meldete mir auf den Kilometern vor der dritten Verpflegungsstation einen guten Blutzuckerwert, sodass ich hier auf eine Messung verzichtete und lediglich die obligatorischen vier BE für die nächsten 9 Kilometer zu mir nahm.

Vierte Verpflegungsstation auf dem Poppenberg (Kilometer 39, 12:15 Uhr)
– BZ: 135
– BE: 4

Nach dem harten, kräfte(aus)zehrenden Anstieg auf den Poppen wollte ich nicht auf ein Messen verzichten. Die 135 mg/dl beruhigen mich aber sehr: Alles passt!

Fünfte Verpflegungsstation (Kilometer 43, 12:52 Uhr)
– BE: 1 (Cola)

Sechste Verpflegungsstation (Kilometer 46, 13:12 Uhr)
– BE: 1 (Cola)

Saft- und kraftlos nach dem Poppen schleppte ich mich zum Ziel. Mir war klar, dass das nicht an einem niedrigen Blutzucker, sondern einfach am schnellen Tempo und dem scharfen, langen Anstieg lag. Daher habe ich bis zum Ziel nicht mehr gemessen.

Im Ziel (51 km, 13:40 Uhr)
– BZ: 231
– IE: 1 + 3 Korrektur
– BE: 1 (Schmalzbrot)
– BR: 100%

Endlich angekommen ist die Freude natürlich groß, nicht nur über das Geleistete, sondern auch dass die Therapieanpassung trotz der Probleme am frühen Morgen so gut geklappt hat. Die Werte während des Laufs traumhaft, der Zielwert insgesamt noch akzeptabel.
Dass ich diesen nach meiner üblichen Korrekturregel korrigiere und die Basalrate erst einmal hochsetze (über Nacht werde ich diese dann wieder um 20% auf 80% senken; Stichwort: Muskelauffülleffekts), schuldet sich meiner Erfahrung, dass mein Blutzucker unmittelbar nach langen Belastungen erst einmal steigt. Gründe dafür sehe ich in der zunächst noch im vollen Gang weiterlaufenden Fettverbrennung und der durch die körperliche Belastung verzögerten Verdauung, die Teile der während des Laufs aufgenommenen Sport-BEs erst jetzt resorbiert.
Aber leider war die Korrektur nicht scharf genug: 2 Stunden nach dem Lauf war mein Blutzucker auf 320 mg/dl. Da die dafür abgegebene Korrektur von 5 IE jedoch voll anschlug, konnte ich mich drei Stunden später über einen 120er-Wert freuen, der bis zum nächsten Morgen mein treuer Begleiter blieb.

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Veröffentlicht von

Andreas

* 1970 in Trier, seit 1988: Diabetes Typ 1 (CSII mit animas vibe, Dexcom G4), seit 2005: leistungsorientiertes Training (vor allem Laufen, aber auch Radfahren), zahlreiche Marathons, Ultras und Ironmans

5 Gedanken zu „Harzquerung 2009: Mit Dampf durch den Harz“

  1. Danke für Deine nette Bestätigung. Dann mache ich mich doch gleich auf, um auch in Deinem Blog zu stöbern …

    Andreas

  2. Sehr schön. Ich bewundere mal wieder Deine Leistung.
    Ich habe es jetzt endlich geschafft mal wieder zu laufen. Im Moment auf Zeit, Stecke ist erstmal egal. 30 Minuten sind kein Problem, 60 sollten auch schon drin sein, aber über 5 Stunden mit so einem Scnnitt bei so einem Profil, Respekt, da bin ich noch seeeehr weit von entfernt.

    André

  3. Hallo André,

    schön, dass Du mal wieder vorbei schaust.
    Aber Bewunderung habe ich nicht verdient: Ich habe bzw. nehme mir die Zeit, regelmäßig zu laufen … und schon entwickelt sich die Ausdauer nach und nach quasi von selbst.
    Dabei hatte ich das Gefühl, dass es in Stufen geht: Eine Stufe ist der Bereich eine Stunde bis Halbmarathon, eine zweite ist der Marathon, und die dritte Stufe sind alle Distanzen, die länger als Marathon sind. Denn ob ich nun 51 Kilometer wie bei der Harzquerung oder 78 km wie beim Swiss Alpine Marathon Davos laufe, ist letztlich egal, zumindest empfinde ich das eine nicht anstrengender als das andere.
    Vielleicht erlebe ich bei den 100 Kilometern von Biel im Juni noch eine weitere Stufe, aber eigentlich glaube und erwarte ich, dass dieser Ultra ebenfalls zur Stufe „Marathon +“ gehört.
    Dabei sind die Stufen nicht als unglaublicher Leistungssprung gemeint, sondern das Aufsteigen vollzieht sich fließend, bei regelmäßigen, aufbauenden Training wie von selbst.

    Viel Spaß beim Treppenhinaufgleiten,
    Andreas

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