d. n. f. – 100-KM-Lauf in Biel 2009 (Laufbericht)

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d. n. f.

Eine sachlich-präzise Abkürzung für das nieder-schmetternde Ergebnis meines Biel-Aben(d)- teuers:

d. n. f.

Aber so einfach, wie es diese drei emotionsfreien Buchstaben das Ergebnis „did not finish“ des 100-Kilometer-Laufs in Biel abkürzen, war es nicht, vor allem nicht so trostlos!
Denn bis zur Aufgabe in Kirchberg habe ich mindestens 52 eindrucksvolle, poetisch-bezaubernde Kilometer erleben dürfen, die ich nicht vergessen werde:

10-km-Lauf Biel - Eindrücke von der Strecke

  • Es war ein wunderschön verträumtes Bild, wenn die Läufer mit ihren Stirnlampen wie eine Kette von Glühwürmchen über die Felder schweben,
  • es war berührend, mitten in der Nacht durch Dörfer zu laufen, in denen die Menschen zu Ehren der Läufer die Nacht zum Tag machen, große fröhliche Feste feiern, selbst kleine Kinder um zwei Uhr La-Ola-Wellen inszenieren und die Läufer abklatschen,
  • es war beglückend,  die sanfte Ruhe zu erleben, nachdem sich das Läuferfeld innerhalb von etwa 25 Kilometer extrem auseinander gezogen hatte, und
  • es war von Minute zu Minute faszinierend, wie der Himmel seine Farbe veränderte, Sterne hervortraten und es zwar auf der Erde, nicht aber am Himmel wirklich dunkel wurde: Ein Lichtschimmer verharrte trotzig am Horizont und bestand auf einer kurze Nacht.

Aber dennoch:

d. n. f.

Diese drei Worte stellen umgekehrt auch klar, dass ich vieles nicht erleben konnte:

  • den sicherlich beeindruckenden Sonnenaufgang nach dem schwierig zu laufenden Ho-Chi-Minh-Pfad,
  • der an die Substanz gehende Kampf mit den letzten Metern,
  • vor allem aber die emotionale Freude, in einer Nacht 100 Kilometer gelaufen zu sein.

d. n. f.

Das heißt aber auch, dass mein Vernunft stärker war, als aller Lauftrott, Eitelkeit, eigener Erwartungsdruck und Selbstüberschätzung zusammen. Denn ich habe aufgehört, weil es richtig war, nicht weiterzulaufen! Und auch darauf bin ich ein kleines bisschen stolz …

d. n. f.

Ist ja schon gut, ich komme wohl nicht darum, auch die Gründe zu nennen, die zur Aufgabe geführt haben. Und das ist ein ganzes Paket an Ursachen:

a) Die Anreise

Viel zu spät bin ich am Tag des Laufs erst angereist. Morgens ging’s in Hamburg mit dem Zug los und nach etwas mehr als acht Stunden war der Bahnhof in Biel erreicht. Doch was ich nicht gedacht hätte, war, wieviel Kraft und muskuläre Beweglichkeit eine solch kurzfristige Zuganreise doch kostet. Jedenfalls war ich mehr als dankbar, dass die in Biel die Möglichkeit bestand, bereits vor dem Lauf sich gründlich massieren zu lassen. Danach fühlte ich mich zwar frisch und locker, allerdings verunsicherte mich das kurze Innehalten der Masseurin am Oberschenkel meines rechten Beines: Sie war auf eine starke Verhärtung gestoßen …

b) Muskuläre Probleme

… und diese Verhärtung machte mir Angst, denn ich hatte bereits seit zwei Wochen bei längeren Läufen Schmerzen in der Kniekehle, die durch zwei Tage Laufpause verschwanden und bei kürzeren Läufen bis 12 Kilometern nicht auftraten.
Und es kam, wie es vermutlich kommen musste, nach etwa 20 Kilometern spürte ich ein starkes Ziehen in der Kniekehle, was erstaunlicher Weise aber nach Kilometer 40 wieder verschwand. Dennoch war die Lockerheit der ersten Kilometer dahin und ab Kilometer 52 wollten meine Muskeln überhaupt nicht mehr, sie wirkten wie erstarrt. Selbst kleinste Anstiege ließen sich von nun an nur noch gehend bezwingen, das bisherige Tempo von 5:30 min/km war selbst bergab nicht mehr zu halten.
Entscheidend aber war letztlich …

c) Ein nicht vertrauter Blutzuckerverlauf

… der im Vergleich zu Tagläufen sich vollständig anders verhaltende Stoffwechsel.

100 Kilometer Lauf Biel - Blutzuckerverlauf

1. Start (22:00 Uhr)

Nachdem ich eine Stunde zuvor 5 BE Toastbrot mit Nutella zu mir genommen und meine Basalrate deutlicher als bei den letzten Läufen um 30% auf 70% reduziert hatte, konnte ich mit einem idealen Blutzucker-Wert  von 168 mg/dl starten.

2. KM 8,5 (22:40 Uhr)

Nach einem zwischenzeitlichen Hoch von 177 mg/dl war mein Blutzucker deutlich auf 138 mg/dl gefallen. Dies beunruhigte mich nicht und ich nahm wie üblich 4 BE selbstgemischtes Maltodextrin-Gel zu mir, da ich wusste, dass mein Blutzucker dadurch innerhalb kurzer Zeit, noch bevor er die 110 mg/dl unterschreiten könnte, wieder steigen würde. Aber dieses Mal war es anders, die 4 BE schienen zu verpuffen, und ich nahm etwa dreißig Minuten später nochmals 4 BE zu mir (Powerbar Gel und Maltodextrin-Gel).

3. KM 17,5 (23:30 Uhr)

Da auch die weiteren 4 BE nichts auszurichten schienen und mein Blutzucker kontinuierlich auf 93 mg/dl gesunken war, wurde ich nervös und kippte 0,8 l Cola in mich hinein (8 BE). Ich wollte unbedingt, dass mein Blutzucker wieder steigt. Immerhin zeigte das ein wenig Wirkung, denn eine halbe Stunde war mein Blutzucker erstmals wieder über 100 mg/dl. Dennoch war mir sehr mulmig zu Mute: Cola, der Zauberstoff, der sonst in Minuten meinen Blutzucker zum Explodieren bringt, zeigte bisher ebenfalls so gut wie keine Wirkung. Zumindest nicht bis zu diesem Zeitpunkt, denn von nun an kannte mein Blutzucker nur noch eine Richtung: Aufwärts!
Und das war eine Erleichterung: Endlich befand sich mein Blutzucker in Bereichen, in denen ich nicht mehr eine Unterzuckerung befürchten musste, und das Laufen machte richtig Spaß – trotz der erwähnten muskulären Probleme.

4. KM 41 (01:52 Uhr)

Kurz vor der Marathonmarke kamen aber andere Sorgen, mein Blutzucker stieg und stieg, obwohl ich seit knapp 25 Kilometern nur noch Wasser, aber keine Kohlenhydrate mehr zu mir genommen hatte. War eventuell der Katheter meiner Insulinpumpe verschlossen? Oder waren das all die vielen BEs, die erst jetzt verdaut wurden und im Blut ankamen? Eine Korrektur von zunächst einer halben (ohne Reaktion), dann etwa dreißig Minuten später einer weiteren Einheit sollte Gewissheit bringen, dass ich nicht befürchten musste, in eine Ketoazidose zu laufen. Doch erst nach fast einer Stunde kam die Entwarnung und eine fallende Tendenz auf meinem Freestyle Navigator bestätigte, dass das abgegebene Insulin auch ankam: Mein Blutzucker sank langsam.
Aber spätestens jetzt war das gute Gefühl weg: Von dem doch über längere Zeit erhöhten Blutzucker fühlte ich mich dehydriert, zudem war mir übel von den insgesamt 16 BEs, die ich in den ersten eineinhalb Stunden zu mir genommen hatte, und meine Beine meldeten nach inzwischen über 50 Kilometern, dass sie nicht mehr wollen.

5. KM 56 (3:32 Uhr)

Nach 56 Kilometern in etwas mehr als fünfeinhalb Stunden entschied ich mich aufzuhören …

Und diese Entscheidung war mehr als richtig:

  • Zwei Tage konnte ich kaum gehen vor Knieschmerzen: Der Orthopäde diagnostizierte mittels MRT eine kleine Baker-Zyste, die wohl bereits vor Biel geplatzt war und deren Flüssigkeit zu leichten Entzündungen diverser Sehnen und Muskelansätzen geführt hatte. Nichts Schlimmes (insbesondere ist mein Knie – Kreuzbänder, Meniskus, Kapsel usw. – in bestem zustand), aber schmerzhaft. Schon allein aus diesem Grund hätte ich nicht in Biel starten sollen!
  • Mein Blutzucker verhielt sich völlig anders als gewohnt, insbesondere weil die Verdauung quasi ausfiel: Durch deren enorme Trägheit konnte ich fallende Blutzucker nicht wie gewohnt korrigieren. Diese Unsicherheit, meinen Stoffwechsel durch Insulinreduktion oder -gabe, vor allem aber durch Nahrungsaufnahme nicht steuern zu können, hat es unverantwortlich gemacht, weiter zu laufen!

Dennoch bin ich mir sicher: Biel sieht mich wieder!

Aber nur mit einer ausgeruhten, unverletzten Muskulatur und einem reichen Erfahrungsschatz an langen Trainingsläufen, durch die ich gelernt habe, meinen Blutzucker entsprechend einzustellen, und durch die ich eventuell meine Verdauung davon überzeugen konnte, auch nachts zu arbeiten …


in emotionsloser Klarheiet

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Veröffentlicht von

Andreas

* 1970 in Trier, seit 1988: Diabetes Typ 1 (CSII mit animas vibe, Dexcom G4), seit 2005: leistungsorientiertes Training (vor allem Laufen, aber auch Radfahren), zahlreiche Marathons, Ultras und Ironmans

4 Gedanken zu „d. n. f. – 100-KM-Lauf in Biel 2009 (Laufbericht)“

  1. Ich bewundere dich für die Vernunft und die Selbskontrolle. Es ist schon hart so einen Saisonhöhepunkt scheitern zu lassen. Danke für deinen Bericht aber auch, weil er neue Infos enthielt, wenn ich mal irgendwann Biel machen sollte.

    Grüße

    Jörg

  2. Die Verantwortung für mich zu übernehmen, fiel mir insofern leicht, als Biel „nur“ eine Vorbereitung, ein Testlauf für den eigentlichen Saison-, vielleicht auch (sportlichen) Lebenshöhepunkt ist: Den 100-Kilometer-Trail „Mongolia Sunrise to Sunset“ in dreieinhalb Wochen.
    Leider habe ich es jetzt nicht schwarz-auf-weiß, dass ich 100 km laufen kann, aber eigentlich zweifel ich auch nicht daran. Unter anderen Bedingungen hätte es geklappt.
    Allerdings zweifele ich derzeit, dass ich bis dahin wieder fit werde: Zwar gab die MRT am Dienstag für alle Trainingsvorhaben grünes Licht und ich bin am Donnerstag, Freitag und Samstag auch wieder -- vorwiegende regenerativ -- gelaufen (7 km, 7 km, 11 km), aber am Ende des gestrigen Laufes schmerzte meine Kniekehle wieder sehr und auch heute ist an Laufen nicht zu denken …
    Am Dienstag bin ich wieder beim Orthopäden, mal sehen, was der sich überlegt -- letzte Woche sah er ja auch die Mongolei-Reise nicht gefährdet.
    HOFFENTLICH BEHALTEN DIE ÄRZTE RECHT!

    Viele Grüße,
    Andreas

  3. Hallo Andreas.

    Echt übel, da kam ja alles zusammen was man nicht braucht.
    Aber ich gratuliere Dir trotzdem. Denn Aufzugeben ist auch eine Särke, die man erstmal haben muß.
    Diese Problematik mit den nicht wirkenden Kohlehydraten kenne ich auch. Das hatten wir schon bei unserer Tochter und ich selbst habe das auch schon kennenlernen dürfen.
    Nun gut, ich drücke Dir die Daumen, das Du bis zum Mongolei Lauf wieder Fit bist.

    Viele Grüße

    André

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