Ich gehe fremd: Rund um den Mont Blanc mit der animas vibe und dem DexCom G4 CGM

Ja, ich gestehe es: Ich bin untreu geworden!

Zunächst habe ich eine Doppelbeziehung geführt und beide getragen, konnte mich noch nicht ganz vom Freestyle Navigator I.5 trennen, doch dann habe ich mir ein Herz gefasst und eine dreiwöchige Beziehung mit einem anderen gehabt, das heißt, eigentlich mit zwei anderen, der Insulinpumpe animas vibe und dem CGM-System DexCom G4. Jetzt bin ich zwar wieder in meiner alten Beziehung, aber ich muss – zu meiner Überraschung – sagen, ich habe den Seitensprung nicht bereut. Sicherlich ist nicht alles Gold, was glänzt, aber in welcher Beziehung ist das schon der Fall.

Auf Anhieb gefiel mir der Dexcom-Sender. Er ist schön klein und die Trägerplatte ist mit einem äußerst angenehm zu tragenden, atmungsaktiven und hervorragend klebenden Pflaster versehen. Dass es sich hier um einen Wegwerf-Artikel handelt, dessen Lebenszeit der seiner nicht wechselbaren Batterie entspricht, bedauere ich sehr – aber leider scheint dass ja kostenintensiver Standard zu werden, gibt doch Abbott mit seinem neuen Navigator II auch diesen Wettbewerbsvorteil des Navigators I.5 auf, nämlich die aufgrund der möglichen Batteriewechsel theoretisch unbegrenzte Laufzeit des Senders.

Das Anbringen des Sensors am Oberarm ist ohne fremde Hilfe nicht ganz einfach, geht aber auch irgendwie. Wichtig ist, dass der Sensor horizontal liegt. Das ist ein wichtiger Tipp von einem Vereinskollegen aus der IDAA, denn als ich schon einmal das Dexcom G4-System testete und den Sensor vertikal trug, zerschoss ich am Oberarm vier Sensoren, keiner wollte starten … Dieses Mal habe ich mich aber genau an der Anleitung gehalten, und horizontal geht’s auch am Arm – auch wenn diese Stelle offiziell nicht zugelassen ist.

Zunächst schienen wir aber wieder nicht so recht zueinander zu passen. Gleich am ersten Tag erschrak ich am frühen Abend über einen irre hohen Wert, den ich auf meinem Pumpendisplay vorfand: 368 mg/dl. Ohne zu überlegen (und das ist ganz schön dumm!) korrigierte ich deutlich. Eine Viertelstunde später: 299 mg/dl. Upps, was für ein Abfall! Das machte mich stutzig und ich kramte meinen bisherigen, stets verlässlichen Partner heraus: 186 mg/dl. Eine Blutzuckermessung bestätigte die Abweichung von über 100 mg/dl. Und im Blut sind aufgrund der Korrektur genug Einheiten unterwegs, die mich auf -100 bringen können! Ein halber Liter Cola rettete mich aus diesem Dilemma und stabilisierte meinen Blutzucker. Jetzt war erst einmal mein Zutrauen, einen neuen Partner gefunden haben, ziemlich erschüttert. Gut, dass ich die andere Beziehung noch weitergeführt hatte, denn zu der Zeit trug ich an jedem Oberarm eines der beiden CGM-Systeme.

Das Wichtigste aber war, nach zwei, drei Tagen erreichte die Dexcom-Affäre eine vergleichbare Genauigkeit, wie ich das von meinem langjährigen Freund Navigator kannte, und das über die gesamte Tragezeit des Sensors, die immerhin drei Wochen dauerte. Von daher war ich froh, sehr bald auf „safer-cgm“ verzichten zu können, und aufgrund der zuverlässigen Werte so viel Vertrauen aufzubauen, dass ich nicht mehr die angezeigten Werte mit dem anderen System vergleichen oder nachmessen musste. So legte ich unmittelbar vor dem Start der Mont Blanc Tour den Navigator ab und verließ mich voll und ganz auf die animas-Dexcom-Kombi.

Und ich bereue nichts: Dank des zuverlässigen kontinuierlichen Glucose-Monitorings trat mein Diabetes während der Tour dahin, wo er hingehört, in den absoluten Hintergrund. Wunderbar dezent leise, aber durch das körpernahe Vibrieren stets spürbar, warnte mich die Pumpe vor etwaigen Entgleisungen, was insbesondere nachts großartig war, nicht nur wegen der mit der Blutzucker-Überwachung verbundenen Sicherheit, sondern auch wegen der nicht gestörten Nachtruhe aller anderen. Überhaupt waren die an sich zu leisen Alarme kein Problem, denn eine Insulinpumpe wird doch in der Regel so getragen, dass man das Vibrieren sicher spürt. Von daher – und das ist gut so! – muss der Navigator I.5 viel lauter sein, um die gleiche Wirkung zu erzielen – mit der Konsequenz, dass alle Mitschlafenden ihn für einen Wecker hielten.

Meine Therapie konnte ich durch die weiterhin absolut zuverlässige CGM-Kontrolle des animas-DexCom-Systems innerhalb von drei Tagen so anpassen, dass ich ab dem vierten Tag eine Einstellung hatte, die mir nahezu normoglykämische Werte ermöglichte – vor etwaigen Unterzuckerungen wurde ich stets rechtzeitig gewarnt. In der Grafik unten, die bis auf die BE-Angaben von dem Auswertungsportal www.diasend.com stammt, sieht man das Blutzuckerprofil eines solch perfekten Tages: Zum Frühstück gab ich nur etwa 40% des sonst üblichen Bolus ab (7 BE = 4,5 IE, statt 10,5 IE), senkte die Basalrate um 70%, das Mittagessen insulierte ich nur äußerst vorsichtig (3 BE = 0,5 IE, statt 3 IE), den Kuchen nach der Tagesetappe und das Abendessen deckte ich hingegen mit meinem normalen Faktor ab (1 IE = 1 BE) und erhöhte zugleich die Basalrate wieder auf 100% der üblichen Basalrate.

Blutzuckerverlauf Mont Blanc 2013

Die Tour um den Mont Blanc, bei der ich in 8 Tagen 150 Kilometer und etwa 10.000 Höhenmeter zurücklegte, ist durchaus anspruchsvoll, aber technisch nicht besonders schwer. Trittsichere und schwindelfreie Wanderer sollten auch ohne explizite Bergerfahrung keine größeren Schwierigkeiten haben. Mit am schwierigsten waren die vielen Schneefelder, die, übrig geblieben vom kalten Frühjahr, ab 2000 Meter für eine willkommene Abwechslung sorgten und die Bergwelt besonders malerisch wirken ließen. Aber auch darüber hinaus kann man sich an der Schönheit der Bergwelt des Mont Blanc Massivs nicht satt sehen. Und sie dokumentiert sich nicht in Worten, sondern am besten in Bildern:

Mont Blanc (West-Seite)

Schneefelder auf der Tour de Mont BlancMont Blanc (Ost-Seite)
Bergsee am Mont-Blanc-Massif

Eins weiß ich sicher, irgendwann gehe (oder laufe? ;-)) ich die atemberaubend schöne Tour noch einmal! Mal sehen, mit welchem System ich dann fest liiert sein werde …

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Veröffentlicht von

Andreas

* 1970 in Trier, seit 1988: Diabetes Typ 1 (CSII mit animas vibe, Dexcom G4), seit 2005: leistungsorientiertes Training (vor allem Laufen, aber auch Radfahren), zahlreiche Marathons, Ultras und Ironmans

13 Gedanken zu „Ich gehe fremd: Rund um den Mont Blanc mit der animas vibe und dem DexCom G4 CGM“

  1. Hallo Andreas,

    schöner Bericht. Vor allem freut es mich Positives über die Pumpe/CGMS Kombination zu lesen, die ich ins Auge gefasst habe. Vielleicht nicht die optimale Kombi für Leistungssportler aber für einen „Otto-Normaldiabetiker“ und Fitnesssportler wie mich sicher nicht falsch. Vor allem wenn man bedenkt, dass das CGMS wahrscheinlich auf eigene Rechnung geht.

    LG
    Stefan

  2. Danke Dir Andreas, fuer Deinen Bericht! Den Sensor horizontal statt senkrecht, klingt komisch und ist wohl auch komisch -aber wenn es hilft- dann eben horizontal.
    Schoen dass es CGM-Alternativen gibt, die immer besser werden. Hoffentlich auch fuer Selbstzahler.
    Dir wuensche ich alles Gute fuer Deine naechsten Wander-Aktionen (wirst dem Laufen langsam etwas untreu, nicht nur dem Navi 1.5)
    Viele Gruesse und Toi,Toi, Toi
    Tuut

  3. Hi Andreas!

    Wow das klingt nach einer tollen Tour!
    Trage den den G4 seit November letzten Jahres, allerdings als Standalone, da ich mich für die medtronic Pumpe entschieden habe. Bin absolut begeistert und die Tragedauer (ohne Zicken und Fehlermeldungen) ist enorm. Im Durchschnitt liege ich zwischen 3-4 Wochen, der längste hatte 54 Tage gehalten.
    Mensch, wir sollte mal wieder ne Runde quatschen!

    LG
    Ilka

  4. @Stefan: Mit der Kombi machst Du nichts falsch. Sie ist jedenfalls -- wenn man eh ne Pumpe braucht -- der derzeitige Preis-Leistungs-Sieger.

    @Tuut: In der Bedienungsanleitung steht das auch so drin. Am Bauch (hier ist der Dexcom ja auch zugelassen) ist das auch nicht komisch, nur am Arm etwas ungewohnt, aber ganz und gar nicht unbequem. Gerade bei dünnen Armen ist das auch die Möglichkeit, mit der Nadel am Muskel vorbei zu stechen.
    Dem Laufen werde ich nicht untreu. Ich bin dieses Jahr schon ein paar Läufe gelaufen und in drei Wochen laufe ich Marathon in Münster, Mitte Oktober in München. Nur aufgrund beruflichen Neulands (Abteilungsleitung Oberstufe) ist derzeit doch viel weniger Zeit zu trainieren, vor allem aber zu bloggen.

    @Ilka: In der Tat, es war eine tolle Tour und wir sollten uns irgendwann mal wieder in Hamburg sehen. Auf Deine Tragedauern bin ich nicht gekommen, aber ich habe mir jetzt noch einmal vier Sensoren samt Sender bestellt und schaue mal, wie lange die laufen.

    Viele herzliche Grüße,
    Andreas

  5. Moin Andreas,

    ich lese jetzt schon seit JAhren immer mal wieder deinen Blog. Sehr cool und oft informativ!

    Ich habe auch seit einiger Zeit Dexcom G4 mit Pumpe. Vom CGM bin ich durch und durch begeistert. Hatte vorher auch den Navigator, jedoch kotzt mich die Kundenfeindlichkeit der Pumpe an. Ich kann bei der Pumpe keine Alarme ausschalten lediglich auf vibrieren stellen. Das bedeutet, wenn mein Insulin leer ist nervt mich die Pumpe alle drei Minuten mit einem Signal. Ganz zu schweigen von dem Pipton wenn es unter 56mg/dl fällt.
    Vor einem Meeting oder einer Beerdigung lieber kein Insulin nehmen anstatt die Pumpe leer zu machen. Ist zwar nicht sinn der Sache aber die Entwicklter trauen dem Pumpen-User wohl keine Eigenverantwortung zu.

    Du musstest für 100mg/dl einen halben Liter Cola trinken? Da hätte bei mir auch die Hälfte gereicht.

    Freue mich auf weitere interessante Artikel und sorry fürs rumstänkern über die Animas Vibe.

  6. Moin.

    Danke für die netten Worte.

    Ich drehe bei solchen Anlässen die Batterie raus (eine Umdrehung des Batteriefachdeckels reicht), wenn ich die Batterie reindrehe, läuft das CGM -- nach einer kleinen Verbindungspause -- dennoch weiter. Möchte ich stoppen und kein Insulin abgeben, fahre ich eine temporäre Basalrate mit 0%, das geht ohne Alarm und die Pumpe ist auch gestoppt.
    Die 56 mg/dl ist eine Dexcom-Besonderheit, die ich auch total nervig finde. Zum Glück kommt das sehr selten vor …
    Mit einem halben Liter Cola komme ich mal um 400 mg/dl hoch, mal aber auch nicht. Das ist von vielen Faktoren abhängig: Wirkendes Insulin (insbesondere Bolus), Bewegung, Blutzuckertendenz vor dem Trinken usw. In diesem Fall war zuviel Insulin im Blut und ich bin gegangen, das hat 300 mg/dl „gekostet“.

    Viele Grüße,
    Andreas

  7. Hallo Andreas und andere Dexcom Nutzer,
    also, erstmal nicht vom Stuhl kippen, dies ist MEIN ERSTER Kommentar auf einer Website!!!! Ich wollte nur sagen, dass ich mir, allerdings aktuell nicht vorrangig für ein stand alone CGM System, ein Ladegerät gekauft habe (fürs Handy oder Kamera), welches, einmal über die Steckdose geladen, für 3-5 komplette Ladevorgänge Energie liefert. Wollte diesen Tipp nur weitergeben an CGM Träger, die sich bei Tripps jenseits von stromanbindungen Gedanken machen, wie sie dann Ihr CGM aktuell geladen kriegen. Ist klein, paßt in jede Hosentasche und deshalb für outdoor Aktivitäten ziemlich nützlich. Liebe Grüße, Ulrike

  8. Hallo Andreas,
    ich trage die Animas Vibe und leiste mir privat die passende CGM.
    Ich setze die Sensoren am Arm immer vertikal, ohne Probleme, seit April 2013.
    Vor dem Setzen der ersten Sensoren fand ich als Neuling folgendes Video auf YouTube sehr hilfreich:
    „Dexcom Arm Sites: A Tutorial“ von TextingMyPancreas, 02.01.2012
    Viele Grüße
    Wiebke

  9. Danke für den Tipp. So mache ich das auch -- außer: Ich entferne die Sicherung später und desinfiziere den Arm gründlich. Ein Nebeneffekt ist, dass die Haut entfettet wird und das Pflaster länger klebt.
    Ich habe übrigens das Video direkt in Deinen Beitrag eingefügt.

    Viele Grüße,
    Andreas

  10. Hallo,

    da ich momentan verschiedene Alternativen zum Navi 1.5 teste und der Dexcom G4 einen sehr guten Eindruck macht, folgende Fragen an „Langzeit“Nutzer:

    1) Sind die 3-4 Wochen Tragedauer realistisch? Mein Navi hält ca. 15 Tage, dann werden die Alarme nervig.
    2) Wie sind Eure Erfahrung mit der Haltbarkeit des Transmitters? 369 € für einen Ersatz sind nicht ohne.
    3) Irgendwelche Tipps in Bezug auf die SW: Leider lässt sich der Empfänger nicht unter einer Virtuellen Machine (Windows 7 unter Mac OS X) auslesen?

    Viele Grüße,
    AndreasH

  11. Etwas verspätet (unser Nachwuchs ist da!) meine Antworten:

    1) Zweieinhalb Wochen schaffe ich immer, in der Regel raucht mein Sensor in der Tat nach 3-4 Wochen ab. Andere berichten aber derzeit über kürzere Tragedauern.

    2) Der Transmitter soll etwas über ein Jahr halten. Ich trage noch meinen ersten. Ein Batteriewechsel ist mit etwas Bastelgeschick möglich: Mit Dremel muss das Gehäuse aufgefräst werden und mit einem Kleber wieder verschlossen.

    3) Zum Auslesen des Transmitters kann ich nichts sagen. Ich lese lediglich die Pumpe animas vibe aus.

    Liebe Grüße,
    Andreas

  12. Hallo Andreas,

    meine besten Wünsche zum Nachwuchs, da musst Du Prios setzen.

    Danke für die Antworten. Mit diesen Erfahrungen festigt sich mein Bild.zum G4.
    Mit dem Transmitter muss ich einmal schauen. SW entwickelt sich weiter, wenn auch manchmal langsam.

    Der aktuell getestete Enlite macht in Hinblick auf die Genauigkeit, nach 2 Tagen Tragezeit, keine so prickelnde Figur. Hier bewahrheiten sich anscheinend andere Erfahrungen.

    Viele Grüße,
    AndreasH

  13. Vielen Dank für die Wünsche. Ja, so ein Kleiner bereichert schon -- wenn er denn schon laufen und radeln könnte … 😉
    Und Dir alles Gute für Deine Entscheidung, mit dem Dexcom machst Du nichts falsch -- ob die Nahe Zukunft Alternativen bringt, wird man sehen. Die Entwicklungen sind im Gange, ohne dass ein Erscheinen von neuen CGM-Systemen unmittelbar bevorsteht.

    Liebe Grüße,
    Andreas

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