HELDENLAUFen mit Closed Loop

2014 war der Heldenlauf in Hamburg-Blankenese ein Lauf der Schmerzen, meine entzündete Patella-Sehne nahm jede Freude, jede Lust an diesem schönen Wettkampf, zwang mich immer wieder zum Gehen.

2018 war der Heldenlauf ein Lauf des Glücks und der Freude: Wie herrlich ist es, ohne Zwicken und Zwacken einfach zu laufen, bei bestem Wetter auf der sicherlich schönsten Laufstrecke Hamburgs.

Los ging’s an der Elbe, gemeinsam mit den imposanten Container-Schiffen vorbei an Airbus, dann im ständigen Auf-und-ab zurück nach Blankenese, mitten durch’s berühmte Treppenviertel, danach runter zur Elbe und wieder hoch und wieder runter und wieder hoch bis zum Falkenstein, von dem es dann wieder ins Zentrum von Blankenese zurückgeht: 21,1 km mit 290 Höhenmeter – mehr geht (in Hamburg) nicht!

Und wenn dann noch Start und Ziel zu einem kleinen, aber feinen IDAA-Treffen werden … was will „Mann“ mehr?

Vielleicht das Ganze mit perfekten Blutzuckerwerten absolvieren?

Während ich im Alltag schon nahezu perfekt mit meinem Semi-Closed-Loop unterwegs bin (Hba1c deutlich unter 6%, 90% der Blutzuckerwerte im Zielbereich, weniger als 1% unter 60 mg/dl), hatte ich bei Sport den Dreh lange nicht ganz raus. Doch inzwischen funktionieren selbst Wettkämpfe mit Loop, wenn ich Folgendes beachte: … Doch erst einmal ein paar Worte zu meinem Loop für all die, die nicht wissen, was das ist.

Ich trage einen Dexcom G5, dessen Werte von der Smartphone-App xDrip+ empfangen und an die App AndroidAPS weitergeleitet werden. AndroidAPS berechnet daraus und aus vielen anderen Werten, z. B. meiner üblichen Basalrate, meinen Korrektur- und Kohlenhydrat-Faktoren u. v. m., meinen aktuellen Insulinbedarf. Je genauer ich dabei die Kohlenhydrate erfasse, desto besser sind die Vorschläge beim Bolusrechner und bei den Anpassungen der Basalrate, die AndroidAPS selbständig an meiner Spirit Combo vornimmt. Steigt der Blutzucker zu rasch, gibt’s es sogar kleinere Boli zur Stabilisierung, fällt er, wird die Insulinzufuhr unterbrochen – was meist zuverlässig Hypos verhindert, insbesondere nachts.

Auf dieses System verlasse ich mich seit über einem Jahr, und meine Begeisterung wächst von Tag zu Tag. Erwähnt werden muss aber (nicht nur aus juristischen Gründen), dass das ein Do-it-yourself-Produkt ist, kein zugelassenes Medizinprodukt. Jede*r Nutzer*in erstellt sich das System selbst und trägt somit die alleinige Verantwortung für all das, was gelingt, aber auch für das, was schiefgeht.

Und es ist auch kein „Set it and forget it“! Wer sich nicht intensiv mit seinem Diabetes und seinen Stoffwechselvorgängen auseinandersetzen möchte und kein technisches Verständnis mitbringt, wird nicht profitieren.

So weit meine knappen Erklärungen. Wenn Du mehr wissen willst, folge bitte den Links und lese folgende Dokumentationen:

  • openaps.readthedocs.io
    Darstellung der Grundlagen des Loopens, auf denen AndroidAPS beruht; ohne Kenntnis der hier dargestellten Basics muss das Loopen scheitern!
  • androidaps.readthedocs.io
    Ausführliche Informationen und Anleitungen zu AndroidAPS

Und jetzt zurück zu meinen Sporterfahrungen:

Loop und Sport vertragen sich erst einmal nicht, denn der Loop ahnt nicht, dass Sport geplant ist, ja, die Algorithmen, die den Alltag so perfekt meistern, versagen beim Sport – wenn man als Looper nicht eingreift. Ein Beispiel deutet an, was ich meine: Eine halbe Stunde vor dem Sport nehme ich 4 BE Kohlenhydrate zu mir. Etwa eine Viertelstunde später beginnt mein Blutzucker zu steigen … was der Loop mit kleinen Boli und/oder einer hohen Basalrate, bei mir sind es dann schon mal 500%, bekämpft. Wenn ich das nicht verhindere, werden 2-3 IE in kürzester Zeit in mich hineingepumpt. Das wäre ja auch sinnvoll, wenn ich die nächste Stunde auf dem Sofa verbrächte, aber vor dem Sport? Nein, dann fällt das Training aus. Um das zu verhindern und auch längere Sporteinheiten möglich zu machen, kombiniere ich folgende Anpassungen:

  1. Negatives IOB
    Die für Sportler wichtigste Größe ist das IOB, das Insulin On Board. IOB=0 heißt, dass genau so viel Insulin im Körper wirksam ist, wie es die aktuelle Basalrate veranlassen würde. Nach einem Essensbolus ist IOB>0 (positiv), hat der Loop z. B. aufgrund von Bewegungen in der Vergangenheit die Basalrate reduziert, ist unter Umständen IOB<0 (negativ). Und das ist das, was ich vor dem Sport unbedingt erreichen möchte, eine deutliche Reduktion des IOB, am besten unter 0!
  2. Höherer Zielwert
    Der Loop berechnet den Insulinbedarf hinsichtlich eines Zielwerts. Dieser ist bei mir normaler Weise 100 mg/dl, etwa eine Stunde vor dem Sport hebe ich diesen auf 150 mg/dl an. Das führt in der Regel zu Reduktionen der Basalrate, was das IOB reduzieren kann.
  3. 0% temporäre Basalrate
    Meist wähle ich die Funktion „Disconnect pump“ etwa eine halbe Stunde vor dem Sport aus. Diese Funktion deaktiviert den Loop und setzt eine temporäre Basalrate von 0%. Diese lasse ich auch noch während des Sport so lange laufen, bis die Blutzucker senkende Wirkung des Sports einsetzt, das ist bei mir etwa 20 Minuten nach Trainings-/Wettkampfbeginn der Fall.
    Eine andere Möglichkeit ist „Suspend loop“. Hier wird der Loop ausgeschaltet und die normale Basalrate läuft.
    Wichtig ist vor allem zu verhindern, dass der Loop NICHT den gewollten Anstieg vor dem Sport bzw. die so wichtige Reduktion des wirksamen Insulins verhindert und zuviel Insulin abgibt. Das gelingt mit beiden Funktionen zuverlässig. Erhöhe ich nur den Zielwert, erreiche ich dieses Ziel nicht immer …
  4. „Activity mode“ oder Sportprofil oder prozentuale Profilanpassung
    Die nächste Version von AndroidAPS wird den „Activity mode“ unterstützen. Dadurch werden bei Zielwerten über 100 mg/dl auch die Basalrate sowie die Faktoren angepasst. Je nach Einstellung werden dann z. B. bei einem Zielwert von 160 mg/dl die Basalrate halbiert und der Korrektur- sowie der Kohlenhydratfaktor verdoppelt. Wählt man einen kleineren Zielwert, fallen die Anpassungen geringer aus. Grundsätzlich ist der „Activity mode“ eine tolle Sache und funktioniert oft. Bin ich jedoch länger unterwegs, z. B. länger als eine Stunde, erscheinen mir die Anpassung zu schematisch und nicht ganz passend. Während die Halbierung der Basalrate noch ganz gut passt, sind die Faktoren zu wenig verändert.
    Deshalb aktiviere ich dann manchmal mein eigens programmiertes Sportprofil. Hier habe ich die Basalrate auf etwa 60% reduziert, die Faktoren aber weit mehr angepasst: Der Korrekturfaktor ist 2,5 mal höher, der Kohlenhydratfaktor sogar 3 mal so hoch.
    Eine gute weitere Möglichkeit ist auch die prozentuale temporäre Anpassung des (aktiven) Profils: Ähnlich wie beim „Activity mode“ werden dabei Basalraten und Faktoren verändert. Reduziere ich das Profil auf 60%, dann verringert sich die Basalrate um 40%, die Faktoren werden ebenfalls um diesen Prozentsatz angepasst. Ein Benefit gegenüber dem „Activity mode“ ist die von der Anpassung unabhängige Festlegung des Zielwerts, so kann ich z. B. auch bei einem Zielwert von 120 mg/dl die Basalraten und die Faktoren um 50% reduzieren.
    Welche der beschriebenen Funktionen ich verwende, hängt von der Art des Trainings bzw. des Wettkampfs ab. Bei Belastungen bis zu einer Stunde habe ich gute Erfahrungen mit dem unkomplizierten „Activity mode“ gemacht, bei längeren Trainingseinheiten reduziere ich gerne mein Profil, bei Wettkämpfen sehe ich mich eher mit meinem Sportprofil auf der sicheren Seite.
  5. SMB deaktivieren
    Da die kleinen Boli, die AndroidAPS abgibt, das Basalinsulin vorweg nehmen, das in der Zukunft abgegeben würde, (gemäß dem Prinzip des Superbolus von John Walsh), habe ich diese Funktion beim Sport abgeschaltet.

Mit diesen Einstellungen kann ich stundenlang Sport machen, ich gebe während des Sport die zu mir genommenen Kohlenhydrate ein (und zwar dann, wenn ich es will, nicht wie früher, wenn mein Blutzuckerverlauf es befahl) und lasse den Loop meine Basalrate erhöhen oder reduzieren, je nachdem, wie sich mein Blutzucker entwickelt.

Gefährlich ist es allerdings, wenn ich keine Kohlenhydrate zu mir nehme, denn dann kann es sein, dass der Loop über Stunden eine 0% Basalrate fährt, weil der höhere Zielwert nicht erreicht wird bzw. keine steigende Tendenz des Blutzuckers erkennbar ist, auf die der Loop reagieren würde. Um auch längere Zeit ohne Kohlenhydrat-Aufnahme Sport zu treiben, habe ich dafür ein paar Zeilen Code in „meine“ AndroidAPS App eingebaut (wie gesagt, es ist ja Do it your self und der Quellcode ist offen!). Sobald das aktive Insulin in meinem Körper so weit fällt, als hätte ich eine Stunde kein Basalinsulin bekommen, springt eine temporäre Basalrate von 20% an, sodass immer ein wenig Insulin im Körper ist und so – hoffentlich! – Ketoazidosen vermieden werden.

Beim Heldenlauf hat das perfekt geklappt, nur der Anstieg nach dem Sport, den konnte ich nicht ganz abfangen. Obwohl ich das abgegeben habe, was mir AndroidAPS vorgeschlagen hat … Besser wäre gewesen, hier noch mehr Insulin abzugeben, denn die auf Hochtouren weiterarbeitende Fettverbrennung jagt den Blutzucker nach hoben und das berücksichtigen die Algorithmen von AndroidAPS nicht. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau!

Erläuterungen zur Grafik (ein Klick auf die Grafik vergrößert diese):
hellblau: Basalinsulin, lila: Boli, rot: Kohlenhydrate (mit Empfehlung des Bolusrechners),
grün: Blutzucker-Zielbereich (70-180 mg/dl)

[Dieser Bericht ist letztes Jahr auf dem Blog der IDAA erschienen. Jetzt möchte ich diesen auch hier auf meiner Webseite zugänglich machen.]

Veröffentlicht von

Andreas

* 1970 in Trier, seit 1988: Diabetes Typ 1 (Closed Loop mit AndroidAPS, Insulinpumpe Accu Check Combo, Dexcom G6), seit 2005: leistungsorientiertes Training (vor allem Laufen, aber auch Radfahren), zahlreiche Marathons, Ultras und Ironmans

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